Warum Unternehmen umdenken müssen und welche Risiken drohen
Eine neue Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt, dass chinesische KI-Modelle wie DeepSeek oder Alibaba den europäischen Entwicklermarkt im Sturm erobern. Auf der Entwicklerplattform OpenRouter stieg ihr Marktanteil in Deutschland 2026 auf 61 Prozent. Ursache dafür sind extrem niedrige Preise bei nahezu ebenbürtiger Leistung. Experten warnen jedoch vor neuen digitalen Abhängigkeiten, Datensicherheitsrisiken und hohen Wechselkosten für europäische Unternehmen.
Keyfacts auf einen Blick:
- Steiler Anstieg: Chinesische KI-Modelle stellen inzwischen 61 % des Tokenverbrauchs auf OpenRouter in Deutschland (58 % EU-weit) – im Vorjahr waren es EU-weit erst etwa 15 %.
- Erfolgsfaktoren: Hauptgründe für den Boom sind der massive Preisvorteil gegenüber US-Modellen, die stark verbesserte Leistungsfähigkeit sowie die Möglichkeit, Open-Source-Modelle lokal anzupassen.
- Hohe Risiken: Experten warnen vor teurem Wechselaufwand (Vendor Lock-in), Cybersicherheitsrisiken bei System-Updates und einer einseitigen Abhängigkeit von Vorgaben aus Peking.
- Handlungsempfehlung: Unternehmen sollten frühzeitig Ausweichstrategien planen. Der Politik wird empfohlen, mehr Transparenz zu fordern und eigene europäische KI-Alternativen gezielt zu fördern.
Chinesische KI-Modelle fassen in Europa überraschend schnell Fuß und verdrängen auf wichtigen Entwicklerplattformen bereits etablierte US-Konkurrenten. Das belegt die aktuelle Studie „China’s AI Sweeps Into Europe“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.
Den Auswertungen der Autoren Valentin Weber (DGAP) und Céline Nauer zufolge machten chinesische Modelle im Juli und August 2026 bereits 61 Prozent des Tokenverbrauchs auf der Plattform OpenRouter in Deutschland aus. EU-weit waren es 58 Prozent, im Vergleich zu mageren 15 Prozent im Vorjahr. Die Studie stützt sich auf Nutzungs- und Downloaddaten von OpenRouter und Hugging Face. Da diese Plattformen vor allem von Softwareentwicklern und Unternehmen genutzt werden, bildet die Analyse zwar nicht den Endverbrauchermarkt (wie die direkte Nutzung der ChatGPT-App) ab, zeigt aber eine deutliche Trendwende im professionellen Softwarebau.
Die Gründe für den Boom und die entstehenden Risiken
Laut den Studienautoren liegt der Erfolg von Anbietern wie DeepSeek oder Alibaba vor allem an ihrer Preisgestaltung. Die chinesischen Alternativen bieten vergleichbare Leistung zu einem Bruchteil der Kosten amerikanischer Modelle. Zudem lassen sie sich häufig herunterladen, anpassen und auf eigenen Servern betreiben.
Trotz dieser Vorteile sehen Experten erhebliche Risiken für den Standort Europa:
- Hohe Wechselkosten: Wer seine Softwarearchitektur tief auf ein bestimmtes Modell abstimmt, kommt später nur schwer und unter hohem Kostenaufwand wieder davon los.
- Ungewisse Cybersicherheit: Selbst bei lokal betriebenen Modellen bleiben Unternehmen von künftigen Software-Updates und deren Quellcode abhängig.
- Asymmetrischer Markt: Während europäische Entwickler offen für chinesische Technik sind, bleiben westliche Systeme in China und Hongkong nahezu vollständig ausgesperrt.
Was Politik und Wirtschaft jetzt tun müssen
Den Autoren zufolge sollten europäische Unternehmen rasch Ausweichoptionen durchspielen, um im Falle plötzlicher Nutzungsbeschränkungen, sei es durch Entscheidungen in Washington oder Peking, handlungsfähig zu bleiben.
Gleichzeitig verlangt die Studie ein Umdenken in der EU-Politik: Gefordert werden eine stärkere Aufklärung über Sicherheitsrisiken sowie eine Transparenzpflicht für Softwareanbieter bezüglich der eingesetzten KI-Modelle. Zwar helfen die günstigen Fernost-Modelle kurzfristig dabei, die Dominanz der US-Tech-Riesen zu brechen – langfristig braucht Europa jedoch eigene, wettbewerbsfähige Alternativen, um nicht direkt in die nächste digitale Monopolfalle zu tappen.